Saskia Niechzial (@liniert.kariert) über kindgerechte Schule, kleine Schritte mit großer Wirkung und warum Kinder mehr brauchen als Bewertungen
Beim „Jungen Netzwerk Schule“ des Jungen VBE NRW hielt Saskia Niechzial, Grundschullehrkraft, Autorin und Podcasterin, den Hauptvortrag zum Thema Vielfalt, Teilhabe und kindgerechte Bildung. Auf Social Media, in Podcasts und Vorträgen setzt sie sich seit Jahren für eine Schule ein, die Kinder nicht über Defizite definiert, sondern ihre individuellen Voraussetzungen ernst nimmt. Im Gespräch mit Schule heute spricht sie darüber, warum Haltung im Schulalltag entscheidend ist, weshalb kleine Veränderungen oft große Wirkung entfalten und wie Lehrkräfte trotz schwieriger Rahmenbedingungen wirksam bleiben können.
(Foto: Franziska Kuttler)
Schule heute: Saskia, unter dem Namen „liniert.kariert“ zeigst du in den sozialen Medien oft sehr alltagsnahe Situationen aus Schule und Familienleben. Gab es einen Moment im Schulalltag, bei dem dir besonders deutlich wurde: So wie Schule aktuell funktioniert, werden nicht alle Kinder wirklich mitgedacht?
Saskia Niechzial: Es gab in meiner Laufbahn ganz viele Momente, in denen ich dachte: Irgendwie passt das hier alles überhaupt nicht zusammen. Allein dieses klassische Bild vom Klassenzimmer – Tische in Reihen, alle schauen nach vorne, fünf Stunden sitzen und zuhören. Und das soll kindliches Lernen sein? Irgendwann habe ich gemerkt: Für mich sieht Lernen so nicht aus. Ich wollte Räume schaffen, in denen Kinder sich zurückziehen können, in denen Bewegung möglich ist und in denen Gespräche und Austausch dazugehören. Ich wollte, dass die Kinder und ihre Produkte sichtbar werden – nicht nur perfekt gestaltete Materialien an den Wänden hängen. Mit der Veränderung meines Klassenraums kam dann automatisch auch eine Veränderung meines Unterrichts. In so einem Raum funktioniert dieses reine „Unterricht von vorne“ gar nicht mehr. Ich musste mittendrin sein und Verantwortung stärker an die Kinder abgeben. Dieses Umstellen meines Klassenzimmers war letztlich der Anstoß, Schule für mich neu zu denken.
Sh: Wie waren die Reaktionen darauf?
Niechzial: Die Kinder fanden es sofort großartig. Wir haben gemeinsam überlegt: Was brauchen wir eigentlich, damit möglichst jedes Kind hier einen Platz findet, an dem es gut lernen kann? Ein Kind sagte irgendwann: „Das sieht gar nicht mehr aus wie ein Klassenzimmer, sondern wie ein Kinderzimmer.“ Das war für mich ein riesiges Kompliment, weil genau dieses Gefühl entstehen sollte. Die Eltern hatten durch die enge Zusammenarbeit mit mir schon viel Vertrauen. Natürlich gab es Fragen wie: „Kann mein Kind von dort hinten überhaupt die Tafel sehen?“ Dann muss man erklären, dass Unterricht nicht mehr so tafelzentriert funktioniert. Wichtig ist, Eltern mitzunehmen und transparent zu machen, warum man Dinge verändert. Auch im Kollegium gab es eher Neugier als Widerstand. Viele fragten: „Wie machst du das denn ohne klassischen Unterricht an der Tafel?“ Und genau das war spannend – mit dem Raum veränderte sich automatisch auch das Unterrichtskonzept.
Sh: Du wirbst dafür, Kinder weniger über Defizite und stärker über ihre individuellen Voraussetzungen wahrzunehmen. Was müsste sich dafür konkret in der Haltung von Schule verändern – auch mit Blick auf Leistungsbewertung und Vergleichbarkeit?
Niechzial: Wir haben über Jahrzehnte ein sehr enges Bild davon entwickelt, wie Lernen auszusehen hat. Wer still sitzt, nach vorne schaut und möglichst angepasst arbeitet, gilt oft als „gutes“ Kind. Aber viele Kinder – gerade auch neurodivergente Kinder und Jugendliche – fallen aus diesem engen Rahmen heraus. Deshalb müssen wir unser Verhalten gegenüber Kindern viel stärker hinterfragen. Wenn ein Kind mit dem Stuhl kippelt oder eine Mütze trägt, interpretieren wir das oft sofort als Provokation oder Desinteresse. Aber vielleicht steckt dahinter ein Bedürfnis nach Schutz, Regulation oder Rückzug. Wenn ich meine Haltung ändere und Verhalten nicht sofort persönlich nehme, reagiere ich ganz anders. Dann beginne ich keinen Machtkampf, sondern frage mich: Was braucht dieses Kind gerade eigentlich? Allein diese veränderte Perspektive kann unglaublich viel bewirken.
Sh: Du zeigst oft, dass Veränderung nicht immer große Reformen braucht. Welche kleinen Schritte können Schulen oder Kitas aus deiner Sicht bereits morgen gehen, um Kindern mehr Teilhabe und Chancengerechtigkeit zu ermöglichen?
Niechzial: Der erste Schritt ist oft tatsächlich die Haltung. Das klingt klein, ist aber eigentlich etwas sehr Großes. Sich ehrlich zu fragen: Ist das, was ich denke und bewerte, überhaupt richtig? Dann geht es darum, mit Kindern ins Gespräch zu gehen. Fragen wie: „Was brauchst du eigentlich?“ oder „Wie geht es dir heute?“ wirken vielleicht banal, sind aber enorm wichtig. Kinder merken dadurch: Ich werde gesehen. Manchmal sind es auch ganz praktische Dinge: ein ruhiger Platz im Klassenraum, mehr Bewegungsmöglichkeiten oder die Entscheidung, eine Stunde zu unterbrechen, weil alle gerade eine Pause brauchen. Vielleicht geht man stattdessen gemeinsam raus auf den Schulhof. Solche kleinen Abweichungen von starren Konzepten können schon viel verändern.
Sh: Viele Kinder erleben früh das Gefühl, „nicht richtig“ zu sein – sei es wegen Leistung, Verhalten oder sozialer Erwartungen. Wie schaffen wir eine Schule, die weniger Defizite produziert und mehr Selbstwert stärkt?
Niechzial: Wir streichen momentan oft genau die Bereiche, in denen Kinder Selbstwirksamkeit erleben könnten: kreative Angebote, Bewegung, Projekte oder musische Aktivitäten. Dabei sind das häufig genau die Momente, in denen Kinder plötzlich zeigen können, was in ihnen steckt. Nicht jedes Kind kann zwei Seiten schreiben oder still am Tisch arbeiten. Manche glänzen auf der Bühne, im Sport oder im kreativen Arbeiten. Wenn wir diese Möglichkeiten abbauen, nehmen wir Kindern wichtige Erfahrungen von Erfolg und Zugehörigkeit. Und wir müssen aufpassen, Kinder nicht zusätzlich unter einen „Scheinwerfer“ zu stellen. Viele Kinder wissen selbst sehr genau, dass sie anders wahrgenommen werden. Wenn wir dieses Anderssein ständig öffentlich machen, verstärken wir das noch. Deshalb spreche ich oft von einer neuroinklusiven Umgebung. Wenn Bewegung selbstverständlich ist, Rückzugsmöglichkeiten selbstverständlich sind oder Hilfen zur Regulation allen Kindern offenstehen, dann muss niemand mehr besonders herausgehoben werden. Dann ist nicht ein einzelnes Kind „das besondere Kind“, sondern jedes Kind darf die Unterstützung nutzen, die es gerade braucht. Das macht unglaublich viel mit dem Selbstbild von Kindern. Wenn ich weiß: Ich bin hier genauso selbstverständlich wie alle anderen, dann entsteht Zugehörigkeit. Und genau das brauchen besonders neurodivergente Kinder und Jugendliche ganz dringend.
Sh: Viele junge Lehrkräfte wünschen sich einen offeneren und gerechteren Bildungsalltag, stoßen im System aber schnell an Grenzen. Was würdest du ihnen mitgeben, um motiviert und wirksam zu bleiben?
Niechzial: Mir hat im Referendariat ein Satz meiner Betreuungslehrerin sehr geholfen. Sie sagte damals zu mir: „Wenn du dich immer nur fragst, was alles nicht geht, wirst du irgendwann resignieren.“ Natürlich gibt es Grenzen, fehlende Ressourcen und starre Vorgaben. Aber wenn man sich nur darauf konzentriert, entsteht schnell Ohnmacht. Deshalb versuche ich bis heute eher zu fragen: „Wie weit komme ich?“ Manchmal ist nur ein kleiner Schritt möglich. Aber auch kleine Schritte können für Kinder eine riesige Wirkung haben. Vielleicht ist es am Ende nur der Satz: „Ich sehe, dass dir das gerade schwerfällt.“ Aber genau solche Momente bleiben Kindern oft lange in Erinnerung.
Sh: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Melanie Kieslinger Pressereferentin VBE NRW