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Dauerbaustelle Förderschule: Warum das System an seine Grenzen stößt

Dauerbaustelle“. Im Interview sprechen Sonja Gandras-Gerrards, 2. stellvertretende Vorsitzende des HPR Förderschulen und Klinikschulen, und Bernd Lindenau, Beisitzer für die Förderschulen und Gemeinsames Lernen um VBE-Landesvorstand, darüber, wo die größten strukturellen Probleme liegen, warum Förderschulen eine unverzichtbare Rolle im inklusiven Bildungssystem spielen und welche politischen Entscheidungen nötig wären, um die Situation endlich nachhaltig zu verbessern.

Wenn Sie auf das Motto „Dauerbaustelle Bildung“ schauen: Wie stellt sich die aktuelle Situation an den Förderschulen ganz konkret dar – was sind aus Ihrer Sicht die größten „Baustellen“ im Alltag von Kollegium und Schulleitung sowie Schülerinnen und Schülern?

Wenn Sie auf das Motto „Dauerbaustelle Bildung“ schauen: Wie stellt sich die aktuelle Situation an den Förderschulen ganz konkret dar – was sind aus Ihrer Sicht die größten „Baustellen“ im Alltag von Kollegium und Schulleitung sowie Schülerinnen und Schülern?
Sonja Gandras-Gerrards: Die gravierendste Baustelle ist der anhaltende Fachkräftemangel, der an Förderschulen zur Bildung übergroßer Lerngruppen in räumlich deutlich unterdimensionierten Klassen führt. Dies beeinträchtigt die individuelle Förderung nachhaltig und geht mit einer erkennbaren Zunahme von Konflikten und Gewalt einher, weil für Beziehungsarbeit und präventive Maßnahmen die notwendigen zeitlichen und personellen Ressourcen fehlen. Zugleich hat sich die Schülerschaft an Förderschulen und Klinikschulen spürbar verändert und ist heterogener sowie in ihren Bedarfen komplexer geworden. Viele Schüler/-innen wechseln aus dem Gemeinsamen Lernen an Förderschulen, weil ihre sonderpädagogische Förderung dort nicht mehr verlässlich sichergestellt werden kann; zusätzlich steigt die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die nach Klinikaufenthalten oder Therapien ohne ausreichende weiterführende Unterstützung an die Förderschule zurückkehren. In diesen Konstellationen stoßen die pädagogischen und strukturellen Möglichkeiten der Schulen regelmäßig an ihre Grenzen. An allen Schulformen steigt die Anzahl von Gewaltvorfällen. An Förderschulen, vor allem an GG/KM-Schulen und ESE-Schulen kommt es aufgrund der Förderschwerpunkte zu besonderen Problemstellungen und Herausforderungen, z. B. führen erhebliche Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Selbststeuerungsprobleme zu heftigen Impulsausbrüchen. Übliche Strategien und Unterstützungsmaßnahmen sind in unserer Schulform daher oft nicht ausreichend. Hinzu kommt ein wachsender Anteil an Vertretungskräften ohne sonderpädagogische Qualifikation. Auch wenn diese Kolleginnen und Kollegen hoch engagiert sind, führt dies dazu, dass spezialisierte Aufgaben – etwa die Durchführung von AO-SF-Verfahren – auf immer weniger ausgebildete Sonderpädagoginnen und -pädagogen konzentriert werden. Gleichzeitig fehlen systematisch aufgebaute Qualifizierungs- und Fortbildungsangebote für diesen Personenkreis, was die Belastung des Systems weiter erhöht. Die Arbeitsbelastung von Lehrkräften und Schulleitungen nimmt insgesamt kontinuierlich zu: größere Lerngruppen, wachsende Dokumentations- und Bürokratieanforderungen, zusätzliche Aufgaben durch Digitalisierung sowie die Einarbeitung weiteren Personals verdrängen zunehmend das Kerngeschäft von Unterricht und Förderung. Viele Beschäftigte arbeiten dauerhaft an oder über ihrer Belastungsgrenze; die stark gestiegenen BEM-Zahlen in den Jahren 2023 bis 2025 sind ein deutlicher Indikator für die gesundheitliche Gefährdung der Kollegien. In der Summe führt dies zu einem erheblichen Attraktivitätsverlust des sonderpädagogischen Berufs. Dies erschwert sowohl die Gewinnung als auch die langfristige Bindung von Fachkräften und verschärft damit den bestehenden Fachkräftemangel – ein sich selbst verstärkender Teufelskreis.

Sh: Wir sprechen mittlerweile von rund 7.000 unbesetzten Stellen und fordern nachhaltige Personalplanung sowie multiprofessionelle Teams. Wie erleben Sie den Fachkräftemangel speziell an Förderschulen und welche strukturellen Veränderungen wären aus Ihrer Sicht nötig, um Förderschulen langfristig personell zu stabilisieren?

Sh: Wir sprechen mittlerweile von rund 7.000 unbesetzten Stellen und fordern nachhaltige Personalplanung sowie multiprofessionelle Teams. Wie erleben Sie den Fachkräftemangel speziell an Förderschulen und welche strukturellen Veränderungen wären aus Ihrer Sicht nötig, um Förderschulen langfristig personell zu stabilisieren?
Bernd Lindenau: Sonderpädagogische Fachkräfte lassen sich kurzfristig nicht „herstellen“. Umso wichtiger ist es, Förderschulen systematisch durch weiteres qualifiziertes Personal zu entlasten. Dazu zählen auch Gesundheitsfachkräfte, die Pflegeaufgaben übernehmen und die Kolleginnen und Kollegen in Gesundheitsförderung und -erziehung unterstützen; IT-Fachkräfte, die den technischen Betrieb und die digitale Infrastruktur verantworten; sowie Schulverwaltungsassistenzen, die Verwaltungsaufgaben wie Aktenführung, Listenverwaltung oder das Handling von Elternbeiträgen übernehmen. Dadurch würden Lehrkräfte und Schulleitungen spürbar von fachfremden Tätigkeiten entbunden und könnten sich wieder stärker auf Unterricht, Förderung und somit auf das Kerngeschäft konzentrieren. Zentral ist zudem eine Stärkung der Ausbildung: Die Zahl der Studienabbrüche im Lehramt für sonderpädagogische Förderung ist bedenklich, weshalb Ursachen sorgfältig analysiert und die Studien- und Ausbildungsbedingungen konsequent verbessert werden müssen. Dazu gehören unter anderem eine Vergütung des Praxissemesters, der Ausbau von Stipendien gerade in Mangelregionen, praxistaugliche Regionalprämien für Berufseinsteiger/-innen nach dem Vorbild anderer Bundesländer sowie zusätzliche, klar strukturierte und qualifizierende Wege in den Quereinstieg. Parallel müssen die Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung mit den dafür erforderlichen Ressourcen ausgestattet werden. Im Interesse der Schüler/-innen sind möglichst kleine Schulsysteme wünschenswert. Zahlreiche Förderschulen sind heute jedoch mit mehreren Teilstandorten organisiert, die von einer Schulleitung und einer stellvertretenden Schulleitung allein kaum zu managen sind. Die jetzigen größeren Systeme benötigen zwingend zweite Konrektor/-innenstellen, um Führungs-, Organisations- und Entwicklungsaufgaben angemessen wahrnehmen zu können. Darüber hinaus ist der qualifizierte Einsatz von Fachlehrer/-innen an Förderschulen wesentlich. Statt die Zugangsvoraussetzungen zur Fachlehrerausbildung zu erleichtern und damit mehr Personen fachlich zu qualifizieren, können derzeit Personen ohne diese Ausbildung fest eingestellt werden, ohne dass es ein, der Ausbildung vergleichbares Nachqualifizierungsangebot gibt. Für eine fachlich hochwertige sonderpädagogische Förderung braucht es jedoch genau diese Expertise – wie in jedem anderen professionellen Berufsfeld auch.

Sh: Der VBE fordert u. a. die gleiche Eingruppierung aller Lehrkräfte in die Laufbahngruppe 2.2 sowie eine bessere Besoldung von Schulleitungen, Beförderungsämtern und Fachleitungen. Wie wirkt sich die aktuelle Besoldungssituation an Förderschulen auf Gewinnung und Bindung von Personal aus – was müsste sich aus Ihrer Sicht dringend ändern, damit Förderschulen als Arbeitsplatz wieder attraktiver werden?

Sh: Der VBE fordert u. a. die gleiche Eingruppierung aller Lehrkräfte in die Laufbahngruppe 2.2 sowie eine bessere Besoldung von Schulleitungen, Beförderungsämtern und Fachleitungen. Wie wirkt sich die aktuelle Besoldungssituation an Förderschulen auf Gewinnung und Bindung von Personal aus – was müsste sich aus Ihrer Sicht dringend ändern, damit Förderschulen als Arbeitsplatz wieder attraktiver werden?
Gandras-Gerrards: Die genannten Forderungen sind für Förderschulen und Klinikschulen zentrale Voraussetzungen, um die Attraktivität des Berufsfeldes nachhaltig zu erhöhen. Die aktuelle Besoldungsstruktur bildet die hohe fachliche Verantwortung und die besonderen Anforderungen der Arbeit an Förderschulen nur unzureichend ab und wirkt damit sowohl auf die Gewinnung als auch auf die Bindung von Personal hemmend. Auffällig ist insbesondere, dass Förderschulen – abgesehen von den Funktionsstellen der (stellvertretenden) Schulleitungen – über kein eigenes Beförderungsamt verfügen und zugleich zu wenige Anrechnungsstunden im Verhältnis zu der Fülle der Aufgaben erhalten. Fachlehrer/-innen an Förderschulen müssen für ihre verantwortungsvolle pädagogische und pflegerische Arbeit endlich angemessen vergütet werden. Ein Einstiegsamt in A10 oder eine entsprechende tarifliche Eingruppierung ist hier längst überfällig und würde ein klares Signal der Wertschätzung setzen. Zudem sind bessere Besoldungsstrukturen für Schulleitungen, Beförderungsämter und Fachleitungen erforderlich, um die Übernahme von Führungs- und besonderen Fachaufgaben attraktiver zu machen. Nur so lassen sich qualifizierte Kolleg:innen langfristig für diese zentralen Funktionen gewinnen und halten.

Sh: Viele Schulgebäude sind weder barrierefrei noch zeitgemäß ausgestattet. Wo stoßen Förderschulen hier besonders an Grenzen – etwa bei Barrierefreiheit, Raumangebot, Therapie- und Rückzugsräumen?

Sh: Viele Schulgebäude sind weder barrierefrei noch zeitgemäß ausgestattet. Wo stoßen Förderschulen hier besonders an Grenzen – etwa bei Barrierefreiheit, Raumangebot, Therapie- und Rückzugsräumen?
Lindenau: Die räumliche Situation an vielen Förderschulen ist hoch problematisch. So lernen beispielsweise in Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung nicht selten 14 Schüler/-innen – darunter evtl. mehrere Schüler/-innen mit einer Schwerstmehrfachbehinderung – gemeinsam mit Integrationshelfer/-innen, Freiwilligendienstleistenden und Lehrkräften in deutlich zu kleinen Räumen. Unter solchen Bedingungen ist ruhiges, konzentriertes und individuelles Lernen kaum möglich; Enge führt zwangsläufig zu erhöhter Konflikt- und Aggressionsbereitschaft. Hinzu kommt, dass zahlreiche Schulgebäude marode sind und grundlegende Sanierungsbedarfe aufweisen – bis hin zu provisorisch verschlossenen Fenstern oder notdürftig nutzbar gemachten Räumen. Die Altbauten sind meist strukturell nicht auf die gestiegenen Schüler/-innenzahlen ausgelegt. Dies führt z. B. zu massiver Lärmbelastung, die nicht nur das Lernen beeinträchtigt, sondern auch die Gesundheit von Schüler/-innen und Beschäftigten gefährdet. Viele ursprünglich für Therapien, Fachunterricht, Auszeiten oder Lehrer/-innenzimmer vorgesehene Räume wurden aus Platzmangel zu Klassenräumen umfunktioniert, wodurch essenzielle Rückzugs- und Fördermöglichkeiten entfallen sind. Dort, wo Neubauten auf dem bestehenden Schulgelände entstehen, geht dies zulasten der Außenflächen. Bewegungs-, Spiel- und Freiflächen werden eingeschränkt oder verschwinden ganz, obwohl gerade Schülerinnen und Schüler mit hohem Förderbedarf auf ausreichend Bewegungsräume angewiesen sind. Zudem werden neue Teilstandorte häufig in Bestandsgebäude ausgelagert, die weder barrierefrei sind noch über geeignete Pflege- oder Therapieräume verfügen und damit höchst schwierige Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten schaffen.

Sh: Digitalisierung ist für individuelle Förderung und unterstützende Technologien gerade an Förderschulen zentral. Wie sieht die digitale Realität an Ihren Schulen aus? Welche politischen und finanziellen Schritte wären nötig, um den vom VBE geforderten „digitalen Unterricht mit passender Ausstattung und Support“ wirklich zu ermöglichen?

Sh: Digitalisierung ist für individuelle Förderung und unterstützende Technologien gerade an Förderschulen zentral. Wie sieht die digitale Realität an Ihren Schulen aus? Welche politischen und finanziellen Schritte wären nötig, um den vom VBE geforderten „digitalen Unterricht mit passender Ausstattung und Support“ wirklich zu ermöglichen?
Gandras-Gerrards: Die digitale Realität an vielen Förderschulen bleibt deutlich hinter den fachlichen Anforderungen zurück. Bereits grundlegende Voraussetzungen wie eine stabile und flächendeckende WLAN-Versorgung in allen Klassenräumen sind vielerorts nicht verlässlich gegeben. Ohne diese Basisinfrastruktur kann digital gestützter Unterricht weder geplant noch nachhaltig implementiert werden. Bei technischen Störungen fehlt häufig ein verlässlicher, externer technischer Support, der zeitnah und kompetent zur Verfügung steht. Stattdessen werden Probleme oftmals auf einzelne technikaffine Lehrkräfte abgewälzt, was deren Arbeitsbelastung zusätzlich erhöht. Für neu eingestellte Lehrkräfte stehen nicht überall dienstliche Endgeräte zur Verfügung; oft verweisen Schulträger und Land gegenseitig auf ihre Zuständigkeiten, anstatt gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln. Notwendig sind klar geregelte Zuständigkeiten sowie eine gesicherte Finanzierung für die Ausstattung aller Lehrkräfte mit datenschutzkonformen Endgeräten und für den Betrieb einer funktionierenden IT-Infrastruktur. Die Einführung neuer Software, digitaler Tools und KI-basierter Anwendungen bringt zudem einen erheblichen Einarbeitungs- und Zeitaufwand mit sich. Daher müssen qualitativ hochwertige Fortbildungen angeboten werden – und zwar im Rahmen der regulären Arbeitszeit. Zugleich muss realistisch betrachtet werden: Digitalisierung ist ein wichtiges Instrument für individuelle Förderung, aber kein Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel.

Sh: Der Ausbau von Ganztagsangeboten trifft Förderschulen mit ihrem hohen Betreuungs- und Förderbedarf in besonderer Weise. Wo sehen Sie hier die größten Probleme – beim Personal, bei Räumen oder in der inhaltlichen Ausgestaltung – und wie müsste ein Ganztag an Förderschulen gestaltet sein, damit er wirklich „Bildung statt bloßer Betreuung“ bietet?

Sh: Der Ausbau von Ganztagsangeboten trifft Förderschulen mit ihrem hohen Betreuungs- und Förderbedarf in besonderer Weise. Wo sehen Sie hier die größten Probleme – beim Personal, bei Räumen oder in der inhaltlichen Ausgestaltung – und wie müsste ein Ganztag an Förderschulen gestaltet sein, damit er wirklich „Bildung statt bloßer Betreuung“ bietet?
Lindenau: Um dem gesetzlichen Ganztagsanspruch ab 2026 gerecht werden zu können, benötigen Förderschulen in erheblichem Umfang zusätzliches qualifiziertes Personal. Dieses Personal muss mit den spezifischen Anforderungen der Förderschule und der dortigen Schüler/-innenschaft vertraut sein; andernfalls ist die Fluktuation erfahrungsgemäß hoch, was zu Instabilität und zu Brüchen in den Beziehungen führt. Viele Schülerinnen und Schüler – insbesondere mit hohem emotional-sozialen Förderbedarf oder komplexen Behinderungen – können in eigenen Fällen schon einen regulären Schulvormittag nur mit großer Anstrengung bewältigen. Für diese Kinder und Jugendlichen braucht es passgenaue, flexible Ganztagskonzepte, alternative Zeitmodelle und ergänzende Unterstützungsangebote. Schülerinnen und Schüler mit hohem Förder- und Unterstützungsbedarf können am Nachmittag nicht in „möglichst preiswerten“ Standardangeboten aufgefangen werden. Sie benötigen qualitativ hochwertige, strukturierte Bildungs- und Förderangebote mit klaren Zuständigkeiten, multiprofessionellen Teams und ausreichend Zeit für Beziehungsarbeit und individuelle Begleitung. Dieser spezifische Bedarf findet in der bisherigen Gesetzgebung nicht ausreichend Berücksichtigung und wird in der Praxis zu erheblichen Problemen führen. In der Folge sind die Schulen häufig gezwungen, unter großem Zeitdruck eigene, pragmatische Lösungen zu entwickeln. Dies bedeutet eine zusätzliche erhebliche Arbeitsbelastung für Schulleitungen und Kollegien, die neben ihrem Kerngeschäft komplexe Ganztagsstrukturen planen, koordinieren und verantworten müssen.

Sh: Förderschulen gelten als besonders herausfordernde Arbeitsorte. Welche Maßnahmen (z. B. kleinere Klassen, mehr Leitungszeit, Supervision, Entlastungsstunden) wären aus Ihrer Sicht notwendig, um den Gesundheitsschutz spürbar zu verbessern und die Belastung der Beschäftigten zu minimieren?

Sh: Förderschulen gelten als besonders herausfordernde Arbeitsorte. Welche Maßnahmen (z. B. kleinere Klassen, mehr Leitungszeit, Supervision, Entlastungsstunden) wären aus Ihrer Sicht notwendig, um den Gesundheitsschutz spürbar zu verbessern und die Belastung der Beschäftigten zu minimieren?
Gandras-Gerrards: Zur wirksamen Verbesserung des Gesundheitsschutzes braucht es ein Bündel an strukturellen und personellen Maßnahmen. Zentral sind eine geringere Schüler/-innen-Lehrkräfte-Relation, eine verlässliche Doppelbesetzung im Unterricht entsprechend dem Förderbedarf sowie zusätzliche Leitungskapazitäten, etwa durch eine zweite Konrektor/-innenstelle in großen Förderschulsystemen. Damit werden Unterricht, Förderung und Organisation auf mehrere Schultern verteilt und die individuelle Verantwortung einzelner Personen reduziert. Darüber hinaus sind mehr Anrechnungsstunden für besondere schulische Aufgaben notwendig, um Projektarbeit, Gremienarbeit und Koordination nicht „on top“ zur Unterrichtsverpflichtung leisten zu müssen. Niedrigschwellige, passgenaue Unterstützungsangebote bei Gewalterfahrungen – abgestimmt auf die spezifische Situation etwa an GG/KM- oder ESE-Schulen – sind für die psychische Gesundheit der Beschäftigten unerlässlich. Ein konsequenter Bürokratieabbau würde zudem viele Kolleginnen und Kollegen spürbar entlasten. Wesentlich ist auch der Ausbau multiprofessioneller Teams: Schulsozialarbeit an jeder Schule, therapeutische Angebote (z. B. Ergo- und Logopädie) sowie verlässliche Kooperation mit der Jugendhilfe vor Ort. Die Kooperationspartner müssen hierfür auch mit den notwendigen personellen und sachlichen Ressourcen ausgestattet sein. Ergänzendes Fachpersonal, das pädagogische, pflegerische und sozialpädagogische Aufgaben übernimmt, entlastet Lehrkräfte und schafft stabile Strukturen, in denen Gesundheitsschutz und Qualität der sonderpädagogischen Förderung miteinander vereinbar werden.

Sh: Förderschulen stehen im Spannungsfeld von Inklusionsanspruch und Realität. Welche Rolle sollen und können Förderschulen in einem inklusiven Bildungssystem künftig übernehmen und welche politischen Entscheidungen bräuchte es, damit Inklusion nicht zulasten der Qualität sonderpädagogischer Förderung geht und die „Dauerbaustelle Bildung“ gerade im Bereich Förderschule endlich kleiner wird?

Sh: Förderschulen stehen im Spannungsfeld von Inklusionsanspruch und Realität. Welche Rolle sollen und können Förderschulen in einem inklusiven Bildungssystem künftig übernehmen und welche politischen Entscheidungen bräuchte es, damit Inklusion nicht zulasten der Qualität sonderpädagogischer Förderung geht und die „Dauerbaustelle Bildung“ gerade im Bereich Förderschule endlich kleiner wird?
Lindenau: Förderschulen sind ein unverzichtbarer Bestandteil eines inklusiven Bildungssystems. Sie bieten Schülerinnen und Schülern, die mehr Zeit, Schutz, intensive Beziehungsarbeit und eine hoch strukturierte Lernumgebung benötigen, einen sicheren Ort, an dem sie in ihrem eigenen Tempo und mit ihren individuellen Bedarfen lernen und sich entwickeln können. Unter guten Bedingungen ermöglicht die Förderschule eine sehr individuelle, ganzheitliche und schüler/-innenzentrierte Pädagogik. Inklusion findet auch in Förderschulen selbst statt: Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Förderbedarfen, Jahrgangsstufen, Behinderungsformen und Leistungsniveaus lernen gemeinsam. Ergänzend übernehmen Klinikschulen eine zentrale Brückenfunktion für Schüler/-innen, die aufgrund stationärer Behandlungen zeitweise nicht am Regel- oder Förderschulunterricht teilnehmen können. Sie stellen sicher, dass Bildungsbiografien nicht abreißen und der Übergang zurück in die Herkunftsschule gut begleitet wird. Eltern müssen eine echte Wahlmöglichkeit haben – zwischen Förderschule und Gemeinsamen Lernen. Ein inklusives System, das diese Wahlfreiheit respektiert, braucht klare politische Entscheidungen: verlässliche Ressourcen für sonderpädagogische Förderung in allen Settings, verbindliche Qualitätsstandards, multiprofessionelle Teams, angemessene Klassen- und Gruppengrößen, barrierefreie Gebäude und eine Besoldung, die die hohe Verantwortung des sonderpädagogischen Berufsfeldes anerkennt. Nur dann wird es gelingen, die „Dauerbaustelle Bildung“ im Bereich Förderschule spürbar zu verkleinern und Inklusion so zu gestalten, dass sie den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schülern gerecht wird. Die Arbeit an den Förderschulen und Klinikschulen ist für die Beschäftigten – trotz Dauerbaustelle – von unschätzbarem Wert: Unter guten Rahmenbedingungen ermöglicht sie intensive Beziehungsarbeit, sichtbare Entwicklungsschritte, eine positive Persönlichkeitsentwicklung, der Kinder und Jugendlichen und echte Teilhabeerfahrungen – weshalb die Arbeit genau deshalb nicht nur fachlich erfüllend ist, sondern auch sehr viel Spaß im Alltag macht.

Sh: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Melanie Kieslinger
Pressereferentin VBE NRW

Starke Bildung. Starke Menschen.

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