… mit Anne Deimel, Vorsitzende VBE NRW, und Simone Fleischmann, stellv. Bundesvorsitzende dbb und VBE.
Bildung für die Zukunft – worüber reden wir eigentlich?
Was verstehen Sie unter einer „Bildung für die Zukunft“? Gibt es einen wichtigen Schwerpunkt – und warum?
Wenn wir von Bildung für die Zukunft sprechen, dann geht es nicht um Einzelmaßnahmen oder das nächste neue Unterrichtsfach, sondern um ein grundlegendes Verständnis schulischer Bildung. Sie muss vom Kind aus gedacht werden, ganzheitlich und zukunftsfähig sein. Die Welt verändert sich rasend schnell und es ist unsere Aufgabe, den Kindern und Jugendlichen die notwendigen Kompetenzen mitzugeben, die sie brauchen, um in einer solchen Welt bestehen zu können. Bildung für die Zukunft sollte der jungen Generation also neben dem Fachwissen auch Resilienz, Kreativität, Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Problemlösekompetenz mitgeben. Für mich ist deshalb der wichtigste Schwerpunkt: Kinder stark machen. Wer selbstständig denken und Verantwortung übernehmen kann, ist gut auf die Zukunft vorbereitet. Genau das sollte Schule leisten.
Bildung für die Zukunft bedeutet für den VBE NRW, Kinder und Jugendliche so zu stärken, dass sie ihr Leben selbstbestimmt, mündig und verantwortungsvoll für die Gesellschaft gestalten können. Demzufolge muss Schule Wissen vermitteln, das für den Arbeitsmarkt der Zukunft Bestand hat und den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, Kompetenzen zu erwerben, die ihnen die Fähigkeit geben, flexibel mit Veränderungen umzugehen. Schulen sollten die Möglichkeit haben, ihren Unterricht und das Schulleben so aufzustellen, dass die Schülerinnen und Schüler sich partizipativ einbringen und auf diese Weise Selbstwirksamkeit erfahren können. Ein wichtiges Ziel von Schule muss das Stärken der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen sein. Starke Persönlichkeiten werden wesentlich für die Zukunft unserer demokratischen Gesellschaft sein.
Bildungsbericht und aktuelle Befunde
Der nationale Bildungsbericht zeigt deutlich, woran sich jede Zukunftsvision von Bildung messen lassen muss: weniger Herkunftsabhängigkeit, bessere Grundkompetenzen, wirksame Förderung, ausreichend Personal, tragfähige Übergänge und Bildung als Grundlage demokratischer Teilhabe. Kann Schule ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag angesichts dieser hohen Anforderungen überhaupt gerecht werden?
Ja, in gewissem Sinne kann Schule das. Sie kann es jedoch nicht allein und benötigt die entsprechende Unterstützung. Der VBE NRW betont aus gutem Grund, dass gute Bildung nicht am Engagement der Beschäftigten scheitert, sondern häufig an unzureichenden strukturellen Voraussetzungen. Aktuell befinden sich die Schulen in NRW in einer Dauerbaustelle. Uns fehlt Zeit für gute Bildung. Uns fehlt Zeit für die Schülerinnen und Schüler. Uns fehlt Zeit, unsere Berufe professionell und resilient ausüben zu können. Damit Schulen ihrem Auftrag durchgehend gerecht werden können, brauchen sie verlässliche Rahmenbedingungen.
Längerfristig muss es unbedingt unser Ziel sein, den Anforderungen gerecht werden zu können. Das schafft aber keine Lehrkraft allein. Solange Lehrkräfte fehlen und viele Schulen dauerhaft am Limit arbeiten, kann nicht einfach jede neue Aufgabe an die Kolleginnen und Kollegen abgegeben werden. Wie soll ich denn all diese Probleme allein angehen, wenn in meiner Klasse tagtäglich die Hütte brennt? Die Verantwortung sehe ich insbesondere in Zeiten des Lehrkräftemangels demnach weniger bei der einzelnen Lehrkraft, sondern beim gesamten Schulwesen und natürlich auch in der Bildungspolitik. Auch wenn die Zielsetzungen absolut richtig sind, darf es nicht dazu führen, dass wir nur noch Daten erheben, um Schulen zu kontrollieren oder unter Druck zu setzen. Es braucht Vertrauen, eine Fehlerkultur und natürlich Zeit, damit die Veränderungen auch Früchte tragen können. Deswegen bin ich großer Fan einer Experimentierklausel. Denn die Schulen wissen selbst oft am besten, was sie eigentlich bräuchten.
Vorschulische Förderung
Die Diskussion um eine vorschulische Förderung wird intensiv geführt. Wo sollten die notwendigen Schwerpunkte liegen? An welcher Bildungsinstitution sollte eine vorschulische Förderung angedockt sein?
Ziel muss es sein, dass die Kinder zu Beginn ihrer Grundschulzeit dem Unterricht erfolgreich und ohne Überforderung folgen können. Dazu zählen beispielsweise: physische, kognitive, emotionale und soziale Voraussetzungen. Auch die Frage, ob die Kinder sich mitteilen können, ist natürlich relevant. Also die Sprachförderung dürfen wir auch nicht außer Acht lassen. Die besten Voraussetzungen für die Vorschulkinder werden wir erreichen, wenn wir multiprofessionell zusammenarbeiten können – aber auch hier landen wir am Ende wieder bei der Ressourcenfrage.
Eine vorschulische Förderung ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Chancengerechtigkeit. Je früher Kinder auf ihren Bildungswegen begleitet werden, desto besser. Kinder sind ganzheitliche Persönlichkeiten, weshalb ihre Förderung auch ganzheitlich angelegt sein sollte. Für uns als VBE NRW ist es grundlegend, dass eine vorschulische Förderung ein Kind von seinen Stärken her denkt. Neben der Sprachförderung und der Förderung der mathematischen Vorläuferfähigkeiten müssen ebenso die sozial-emotionale als auch die motorische und kognitive Entwicklung in den Fokus. Wir setzen uns für eine enge Kooperation zwischen Kita und Grundschule ein. Gemeinsam können Erzieherinnen bzw. Erzieher und die sozialpädagogischen Fachkräfte in der Schuleingangsphase Kinder vorschulisch ihrem Alter gemäß fördern. Den Ort der Förderung sollten die Beteiligten in einer Kommune selbst entscheiden. Mal ist es die Kita, die ausreichend Platz hat, an anderer Stelle ggf. die Grundschule.
Leistung, Bildung und Schule
Ist die aktuelle Form der Leistungsmessung noch passend zur Bildung von heute und für die Zukunft?
Das Erbringen von Leistung ist wichtig. Allerdings muss Leistung umfassender verstanden werden als die Ergebnisse von Tests, Klassenarbeiten und Klausuren. Ziel muss es sein, dass Schülerinnen und Schüler das Erbringen von Leistungen als motivierend erleben und als selbstverständlichen Teil ihres individuellen Lernprozesses. Dafür benötigen wir eine moderne Leistungskultur, die beispielsweise transparente Leistungsbewertungen, kompetenzorientierte Rückmeldungen, die Berücksichtigung individueller Lernentwicklungen und persönliches Feedback statt ausschließlicher Ziffernnoten beinhaltet. Leistung entwickelt sich im Miteinander ohne das Aufbauen von Drucksituationen besonders gut.
KI hat viele im Schul- und Bildungswesen an einigen Stellen durchaus aus dem Konzept gebracht. Das ist manchmal auch gar nicht so schlecht, denn plötzlich wurden alternative Prüfungsformate und die Sinnhaftigkeit von Hausaufgaben und Ziffernnoten diskutiert. Für mich ist ganz klar: Wir brauchen eine alternative Lern- und Prüfungskultur, dabei geht es nicht um Kuschelpädagogik, sondern um wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse und um den sinnhaften Gebrauch von Leistungsüberprüfungen. Immer mit dem Ziel, den Schülerinnen und Schüler die beste Bildung zu ermöglichen.
Eltern, Schule und Erziehungspartnerschaft
Warum ist die Erziehungspartnerschaft mit Eltern wichtig? Gibt es Möglichkeiten, bildungsund schulferne Eltern für eine Elternmitwirkung zu gewinnen?
Bildung ist ein Mannschaftsport und kann nur gemeinsam gelingen. Schule besitzt eine zentrale Rolle in den Lebensbiografien junger Menschen, aber sie kann nicht alles alleine leisten. Die beste Bildung bekommen die Schülerinnen und Schüler, wenn Eltern und Schule hierbei zusammenarbeiten. Deshalb ist eine vertrauensvolle Bildungs- und Erziehungspartnerschaft unverzichtbar. Dabei dürfen wir aber nicht davon ausgehen, dass alle Eltern Schule gleich erleben oder dieselben Möglichkeiten haben, sich einzubringen. Gerade bildungsferne Familien oder Eltern mit sprachlichen Hürden brauchen niedrigschwellige Angebote und persönliche Ansprache. Zahlreiche Schulen haben das bereits verstanden und beispielsweise sogenannte Elterncafés ins Leben gerufen. So haben Eltern einen selbstverständlichen Platz im Schulleben und zwar nicht erst, wenn die ersten Probleme auftreten. Vieles kann bereits in frühzeitigen, kurzen Gesprächen geklärt und eingeordnet werden.
Die Gründe, warum immer mehr Eltern nicht mehr den Weg in die Schule und zur aktiven Teilnahme an den Mitwirkungsgremien finden, sind vielfältig. Statt nur über geringe Beteiligung zu klagen, sollten wir versuchen, auf der einen Seite zu zeigen, wie wichtig und gewinnbringend die Elternpartizipation für die Kinder ist. Auf der anderen Seite ist es von hoher Bedeutung, die Barrieren durch persönliche Kontaktaufnahmen und Gespräche abzubauen. Ich sage oft: Ein Elternbrief oder eine digitale Nachricht sind keine Elternpartizipation. Also hilft es nur, immer wieder den physischen Kontakt zu suchen und gemeinsame Aktivitäten anzubieten, seien es Familiencafés, gemeinsame Ausflüge, Bastel- oder Kochangebote. Entscheidend hierfür ist das respektvolle und wertschätzende Miteinander. Wer das hier nun liest, denkt: Wann und wer soll das leisten? Ich antworte: Hierfür müssen unbedingt zeitliche und personelle Ressourcen ins System.
Gesellschaftlicher Wandel und Schule
Die Gesellschaft verändert sich rasant: Migration, Digitalisierung, Individualisierung, demografischer Wandel. Ist Schule heute Gestalterin dieser Veränderungen oder eher Getriebene?
Schulen fühlen sich leider häufig als Getriebene. Viele gesellschaftliche Entwicklungen treffen Schulen unmittelbar. Es wird von den Beschäftigten erwartet, stets flexibel und offen auf neue Herausforderungen zu reagieren. Das, was unsere Gesellschaft oft überfordert, soll in den Schulen von heute auf morgen gestaltet werden. Es ist unglaublich, was die Beschäftigten in den Schulen durchweg leisten, immer mit dem Ziel, für ihre Schülerinnen und Schüler das Beste zu erreichen. Dafür müssen Schulen mehr unterstützt werden. Sie benötigen politische Verlässlichkeit, langfristige Bildungsplanung, ausreichende Ressourcen und Zeit in Form von kleineren Lerngruppen.
All diese Themen finden natürlich in Schule statt. Es gibt zahlreiche Schulen, die hier vorbildhaft zeigen, wie genau diese Veränderungen Einzug ins Schulleben finden und aktiv gestaltet werden. Klar ist aber auch, dass wir im Schulsystem mit unterschiedlichen Dynamiken konfrontiert sind: Während die Welt sich in einem rasanten Tempo verändert, mahlen die Mühlen im Schul- und Bildungswesen deutlich langsamer. Das führt dazu, dass man nicht immer alles gleichzeitig und sofort mit den gleichen Ressourcen angehen kann. Auch Schulen müssen priorisieren, das ist leider so, wenn personelle, zeitliche und finanzielle Ressourcen endlich sind. Letztlich müssen wir uns die Frage stellen, was denn die Alternative wäre, wenn wir nicht mitgestalten? Den Kopf in den Sand stecken und warten, bis wir vollkommen abgehängt sind? Die Antwort lautet also, dass Schulen beides sind: mal getriebene Gestalterinnen und mal gestaltende Getriebene.
Nachhaltigkeit, Zukunftskompetenzen und Bildung
Was bedeutet Bildung für eine nachhaltige Entwicklung aus Ihrer Sicht konkret: Geht es vor allem um Wissen über Klima und Umwelt – oder um die Fähigkeit, Zukunft aktiv mitzugestalten?
Kinder und Jugendliche müssen verstehen, wie Klima, Umwelt und Gesellschaft zusammenhängen. Dafür braucht es spezifisches Fachwissen, denn wer diese Zusammenhänge nicht erkennt, der kann sie auch nicht verändern. Die Fähigkeit, Zukunft zu gestalten, setzt wiederum Handlungskompetenz voraus. Diese lernen Schülerinnen und Schüler am besten in Projekten, bei denen sie Verantwortung übernehmen. Wenn sie also merken: Hier kann ich etwas bewegen!
Bildung für nachhaltige Entwicklung ist zu Recht eine Querschnittsaufgabe, da sie weit mehr Themen und Kompetenzen umfasst als das Wissen über Klima und Umwelt. Das Tolle ist, dass so viele Kinder und Jugendliche sich für die verschiedenen Bereiche rund um BNE begeistern. BNE bedeutet u. a., Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, Verantwortung zu übernehmen, kritisch zu denken, demokratisch zu handeln, globale Zusammenhänge zu verstehen und nachhaltige Entscheidungen zu treffen und auszuführen. BNE eignet sich in besonderer Weise, Kindern und Jugendlichen eigenverantwortlich Projekte zu übertragen, sie dabei professionell zu begleiten und ihnen Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen. Schulen, die BNE als festen Projektbestandteil in ihrer Stundentafel verankert haben, sind davon überzeugt, dass ihre Schülerinnen und Schüler auf diese Weise lernen können, Zukunft aktiv (mit) zu gestalten.
Und zum Schluss: Wenn wir uns in 15 Jahren wiedertreffen – woran würden Sie erkennen, dass „Bildung für die Zukunft“ tatsächlich stattfindet?
Wir würden das daran erkennen, dass die Schulen ihren Beschäftigten attraktive Arbeitsbedingungen und ihren Schülerinnen und Schülern optimale Lernbedingungen bieten. Unterricht und Ganztag finden in modernen nachhaltigen Gebäuden statt, die ausreichend Platz und Hitzeschutz bieten. Es gibt ausreichend Lehrkräfte und multiprofessionelle Teams. Ausgeschriebene Schulleitungsstellen sind begehrt und es gibt mehr Zeit für Pädagogik als für notwendige Verwaltungsaufgaben. Der Bildungserfolg hängt deutlich weniger von der sozialen Herkunft ab und alle Kinder können ihre individuellen Potenziale in kleinen Lerngruppen entfalten. Der Umgang mit Digitalisierung und KI sind selbstverständlich in das Lernen integriert. – Die Tatsache ist, dass alles seine Zeit braucht. Wir werden hoffentlich in allen Bereichen ein Stück weiter sein, abgeschlossen ist eine Entwicklung des Bildungssystems jedoch wohl nie.
Wenn wir nicht mehr über Lehrkräftemangel und Bildungskrisen sprechen, sondern über gelingende Bildung. Mit Blick auf die Bildungspolitik würde das heißen, dass man sich weniger an Parteiinteressen orientiert und vielmehr an modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Gesamtgesellschaftlich würden wir endlich den Wert von Bildung erkennen und danach handeln. Und die Schülerinnen und Schüler, die würden mit Freude in die Schule gehen und gestärkt aus der Schule rausgehen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Starke Bildung. Starke Menschen.
