Interview mit Hannes Ermert, Vorstandsmitglied der Landesschüler*innenvertretung NRW
Partizipation wird in Schule oft eingefordert – viele Schülerinnen und Schüler erleben ihren Alltag aber weiterhin als stark vorgegeben. Wo erleben Jugendliche heute echte Mitbestimmung und wo bleibt Beteiligung eher symbolisch?
Ich glaube, es gibt viele Schülervertretungen an Schulen, die wirklich mitentscheiden dürfen und die Chance haben, Zukunft mitzugestalten. Aber natürlich gibt es auch das Gegenteil: Dort wird die SV eher als Symbol genutzt, um zu zeigen, dass man Partizipation ermöglicht. Viel Beteiligung erleben wir dort, wo Jugendliche sich selbst Gehör verschaffen – etwa bei gesellschaftlichen oder politischen Bewegungen. Da arbeiten viele Jugendliche mit und bewegen auch etwas. Wenn es aber um Schule oder staatliche Strukturen geht, sieht das oft schwieriger aus. Da sind wir leider noch lange nicht an dem Punkt, an dem Partizipation von Jugendlichen sein sollte. Da gibt es auf jeden Fall noch Verbesserungsbedarf.
Mit Programmen wie „Your Vision Schule NRW“ setzt das Schulministerium aktuell verstärkt auf Beteiligungsprozesse von Jugendlichen. Nehmen Schülerinnen und Schüler diese Angebote tatsächlich als wirksam wahr – oder braucht es mehr als einzelne Projekte?
Bei „Your Vision“ war ich selbst dabei und habe mir die Abschlussveranstaltung im Landtag an-geschaut. Das fand ich erst einmal ei-nen sehr guten Ansatz. Da waren viele Jugendliche und viele engagierte Menschen zusammen. Jugendliche werden dort mitgenommen und können ihre Ideen einbringen. Die Frage ist aber immer, was anschließend mit diesen Positionen passiert. Häufig erleben Jugendliche, dass ihre Meinung am Ende doch keine Rolle spielt oder nicht wirklich Gewicht hat. Es gibt viele Formate, in denen Jugendliche gefragt werden: „Was wollt ihr eigentlich?“ oder „Wie geht es euch?“ Aber die Umsetzung der Forderungen, die daraus entstehen, ist oft zu schwach. Die Anliegen von Jugendlichen werden zu wenig ernst genommen.
Die Landesschüler*innenvertretung fordert seit Jahren stärkere Mitspracherechte, etwa in Fachkonferenzen oder bei Schulentwicklungsprozessen. Welche konkreten Veränderungen wären aus Ihrer Sicht notwendig, damit Schule demokratischer wird?
In erster Linie geht es um die Mitbestimmung in den Gremien. Wir haben in den Schulkonferenzen die Drittelparität – also jeweils ein Drittel Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler. Da stellt sich für mich die Frage, ob Jugendliche nicht stärker berücksichtigt werden sollten. Generell wünsche ich mir, dass Schülerinnen und Schüler ernster genommen werden – auch von Schulleitungen. Jugendliche haben ein Recht darauf, ihre Meinung einzubringen und Vorschläge zu machen, wie Schule besser werden kann. Schließlich erleben sie Schule jeden Tag. Diese Perspektive sollte stärker berücksichtigt werden.
Viele Jugendliche engagieren sich gesellschaftlich und politisch. Gleichzeitig klagen Schulen über eine sinkende Beteiligung an SV-Arbeit oder in Gremien. Woran liegt das aus Ihrer Sicht? Fehlt Jugendlichen die Zeit, die Motivation oder manchmal auch die Unterstützung?
Ich glaube, da kommen viele Faktoren zusammen. SV-Arbeit ist anstrengend. Man macht sie in seiner Freizeit und muss sich mit vielen Themen beschäftigen. Das gilt zwar für fast jedes Ehrenamt, aber bei der SV-Arbeit fehlt oft die Wertschätzung. Viele Schülerinnen und Schüler stecken unglaublich viel Arbeit in Projekte und bekommen dafür nicht immer die Unterstützung, die sie bräuchten. Wer sich engagiert, an Veranstaltungen teilnimmt oder sich weiterbildet, muss häufig trotzdem mit Problemen im Schulalltag umgehen. Man verpasst Unterricht, muss Inhalte nachholen und bekommt nicht immer Verständnis dafür. Natürlich gibt es viele Lehrkräfte, die unterstützen. Aber es gibt eben auch Situationen, in denen Engagement nicht wertgeschätzt wird. Wenn man lange für Projekte kämpft und wenig davon zurückkommt, sinkt irgendwann die Motivation, weiterzumachen.
Was müsste sich ändern, damit sich mehr junge Menschen engagieren?
Meiner Meinung nach braucht es klarere Regelungen und weniger bürokratische Hürden. Schülerinnen und Schüler sollten nicht ständig für jede SV-Aktion um Unterstützung kämpfen müssen. Außerdem müsste stärker ins Bewusstsein gerückt werden, wie wichtig diese Arbeit eigentlich ist. Schülerinnen und Schüler lernen dabei sehr viel. Und auf der anderen Seite müssen ihre Forderungen auch ernst genommen werden. Wir erleben leider oft, dass Jugendliche nicht auf Augenhöhe behandelt werden. Dabei wünschen wir uns einfach, als ernsthafte Gesprächspartner wahrgenommen zu werden. Wir wollen gemeinsam etwas erreichen und Schule mitgestalten.
Wenn Sie auf die aktuelle Bildungspolitik in NRW schauen: Wo haben Sie das Gefühl, dass die Stimme der Schülerinnen und Schüler ernst genommen wird – und wo werden Entscheidungen noch zu häufig über ihre Köpfe hinweg getroffen?
Es gibt natürlich Mitwirkungsmöglichkeiten, etwa über die Schulkonferenz. Aber insgesamt könnte die Beteiligung deutlich besser funktionieren. Schülerinnen und Schüler sollten noch stärker einbezogen werden. Gerade in der Bildungspolitik des Landes NRW habe ich häufig das Gefühl, dass noch sehr viel über Schülerinnen und Schüler hinweg entschieden wird. Da sollte deutlich mehr Beteiligung stattfinden.
Themen wie psychische Belastungen, Leistungsdruck oder soziale Medien beschäftigen viele junge Menschen stark. Wird Schule den Perspektiven von Jugendlichen bei solchen Fragen ausreichend gerecht?
Das ist natürlich von Schule zu Schule unterschiedlich. Grundsätzlich wird hier aber noch nicht genug getan. Viele Schulen verfügen gar nicht über ausreichende Beratungsangebote oder schulpsychologische Unterstützung. Dabei wäre das gerade für Schülerinnen und Schüler mit psychischen Belastungen wichtig. Natürlich wird über die Gefahren von Social Media, über Leistungsdruck und psychische Gesundheit gesprochen. Die Frage ist aber, was das bringt, wenn sich am System selbst nichts ändert. Das Schulsystem erzeugt Leistungsdruck, und dieser Leistungsdruck kann psychische Belastungen verstärken. Wenn zum Beispiel über Handyverbote diskutiert wird, wird oft argumentiert, dass das der psychischen Gesundheit helfen soll. Das greift aus meiner Sicht zu kurz. Ein Handyverbot schafft den Leistungsdruck nicht ab und löst viele Probleme von Jugendlichen nicht. Stattdessen braucht es andere Maßnahmen und mehr Unterstützung für junge Menschen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Vielen Dank für die Möglichkeit, unsere Perspektive einzubringen.
Landesschüler*innenvertretung NRW
Starke Bildung. Starke Menschen.
