Stellungnahme zum Pressebericht 'Rechtschreibung am besten mit der Fibel'

18.09.2018

VBE NRW: Stellungnahme zum Pressebericht der Uni Bonn vom 10.09.2018

Der VBE NRW wird sich die Ergebnisse der Studie zur Rechtschreibdidaktik der Universität Bonn im Detail genau ansehen. Um Schlussfolgerungen für den Unterricht ziehen zu können, spielt die Vergleichbarkeit der untersuchten Lerngruppen eine große Rolle (Größe der Lerngruppen, Sozialindex der Schulen etc.). Es ist es nicht zielführend, einen einzelnen Aspekt, hier die Rechtschreibleistungen von Kindern, losgelöst von allen anderen Lernprozessen zu untersuchen. Kinder lernen in den ersten Schuljahren nicht allein Rechtschreiben, sondern auch Lesen und das Verfassen eigener Texte. Besonders wichtig ist es, Kindern die Freude am Lernen und an kommunikativen Prozessen zu vermitteln. Alle diese Aspekte hat die Studie offensichtlich einfach außer Acht gelassen.

Die Rechtschreibfähigkeiten wurden in der Studie nach unseren Informationen mit der Hamburger Schreibprobe (HSP) erfasst. Hierbei handelt es sich um ein Diagnoseinstrument zur Erfassung der vorhandenen Rechtschreibstrategien der Schülerinnen und Schüler. Aus Sicht des VBE NRW spielt es eine große Rolle, wie die Hamburger Schreibprobe in den Klassen vorbereitet und durchgeführt wurde. „Wenn die Kinder, die mit einer Fibel das Schreiben lernen, die Wörter im Vorfeld gekannt und geübt haben, ist es nicht erstaunlich, dass ihre Ergebnisse besser sind als die der Kinder, die die abgefragten Wörter nicht im Vorhinein kannten“, so Anne Deimel vom Verband Bildung und Erziehung.

Die Erfahrungen des VBE NRW aus der Praxis gestalten sich anders. In den Grundschulen herrscht eine große Heterogenität vor. Viele unterschiedliche Kinder aus verschiedenen Nationen und Kulturen lernen zusammen. Eine Festlegung auf einen einzelnen Schreiblehrgang wird allen diesen Schülerinnen und Schülern in ihrer Individualität nicht gerecht. Lehrkräfte differenzieren ihre Unterrichtsinhalte auf der Grundlage der Lernentwicklung und der Fähigkeiten der Kinder, mit denen sie täglich arbeiten. Jedes Kind hat einen eigenen Zugang zum Lernen und demzufolge auch zur Erarbeitung der Rechtschreibung. Eine einseitig festgelegte Rückkehr zum Unterricht mit der Fibel ist keine Lösung und steht im krassen Widerspruch zur von der Politik immer wieder geforderten Selbstverantwortlichkeit von Schule. Wenn das Schreibenlernen mit der Fibel in der Praxis überzeugt hätte, hätten sich die Grundschullehrkräfte längst flächendeckend dafür entschieden.

Besonders das Arbeiten mit Kindern aus anderen Nationen stellt hierbei die Lehrkräfte vor besondere Herausforderungen. Wenn Kinder zu Hause Eltern erleben, die z.B. in arabischer Schrift schreiben, ist es für sie schwierig, sich sicher deutsche Rechtschreibregeln und Rechtschreibstrategien anzueignen.

Der VBE vertritt nach wie vor die Ansicht, dass die einzelne Schule sich mit ihrem gesamten Lehrerkollegium sehr genau überlegt, auf welche Weise sie den Kindern in den ersten Schuljahren Lesen und Schreiben vermittelt. Jede Schule arbeitet auf der Grundlage der vorgeschriebenen Lehrpläne und übernimmt dafür Verantwortung, dass die Kinder am Ende der Grundschulzeit über die erforderlichen Kenntnisse im Bereich der Rechtschreibung verfügen.

Oft wird vergessen, dass der Rechtschreibunterricht nicht mit der Klasse 4 endet. Rechtschreibunterricht ist Aufgabe aller Schulformen.

Wenn eine gesellschaftliche Diskussion über die Rechtschreibfähigkeiten von Kindern gewünscht ist, muss es ebenfalls eine differenzierte gesellschaftliche Diskussion darüber geben, dass die Lesefähigkeiten und die Rechenfähigkeiten in den vergangenen Jahren abgenommen haben. Ebenso weisen Lehrkräfte aus den Grundschulen immer wieder darauf hin, dass viele Kinder sich nicht mehr im gleichen Maße konzentrieren können, dass die Aufmerksamkeitsspanne zurückgegangen ist und dass viele Kinder nicht mehr über ausreichend grob- und feinmotorische Fähigkeiten verfügen.

Anne Deimel weist ebenso darauf hin, dass Kinder heutzutage am Ende der Grundschulzeit z.B. in der Lage sind, Präsentationen zu verschiedenen Themen zu erarbeiten und vorzustellen oder in Schreibkonferenzen Texte nach erarbeiteten Kriterien zu überarbeiten.

Die Ergebnisse der IQB-Studie 2016 haben gezeigt, dass die Lehrkräfte in den Grundschulen dringend Unterstützung benötigen, um die Herausforderungen des Schulalltags meistern zu können. Kleinere Klassen, ausreichend Lehrkräfte und weitere pädagogische Professionen in den Schulen werden die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in allen Bereichen steigern.

Anne Deimel ist Stellv. Vorsitzende VBE NRW, Schul- und Bildungpolitik

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